Dr. Wilhelm Turnwald

Wer war dieser Dr. Wilhelm Turnwald, heute noch bekannt für das sog. „Sudetendeutsche Weißbuch“ aber auch als deutscher Botschafter in Lybien? Aus welcher Familie kam er?

Wilhelm Karl Turnwald (*30. Okt. 1909 in Lichtenstein / Lišt’any #6, getauft am 4. Nov.) war der Sohn von Anton Turnwald (*7. Mrz. 1875 in Naglos / Náklov, Gastwirt in Lichtenstein #6) und Theresia  (*30. Sep. 1871 in Koschowitz / Košetice #9, Tochter des Waldhegers Anton Rott im Revier von Tschemin / Čeminy). Hier der von mir bearbeitete Geburts- und Taufeintrag aus dem Kirchenbuch von Lichtenstein, das (noch) die Gemeinde verwahrt. Reinhold Göhl (vielen Dank!) hat mir die ca. 2002 dort erstellte Ablichtungen als Grundlage dazu übermittelt:

Geburtsmatrik Wilhelm K. Turnwals

Laut einer Mitteilung von Reinhold Göhl, dessen Großvater Josef (*1889 in Naglos #5) ein Vetter von Wilhelm war, hatte Wilhelm 5 ältere Geschwister: Maria Theresia (*1901), die Zwillinge Theresia und Antonia (*1903), Rudolf (*1904) und Anton (*1907). Beide Theresias starben sehr früh.

Wilhelms Vorfahren-Vaterlinie führt über die in Naglos (bei Lichtenstein) geborenen Johann (*1838-05-23) und Josef (*1809-09-26) zu Martin Turnwald, der am 8. Mrz. 1767 in Lochutzen Lochousice geboren ist und nach Naglos heiratete. Dieser Martin (*1767) ist der Sohn von Philipp T. (*1728) und Susanne Ganka (*1736) – siehe Matrik unten. Mit der Verbindung zum Haus Lochutzen 14 gehört demnach auch Wilhelm Turnwald zu der aus Ostrau / Ostrov u Stříbra stammenden Linie des Martin Turtenwald, der dort 1622 einen Hof kaufte und auch mein direkter Vorfahre der 10. Generation ist (siehe hier). Zu Wilhelm Turnwald ist er der direkte Vorfahre der 9. Generation, eben über diesen Martin Turnwald aus Lochutzen 14:

Geburtsmatrik Martin
Geburtsmatrik des Martin(us) Turnwald (*1767)

Wilhelm (*1909) durfte, nach der Volksschule in Tuschkau Stadt, das Gymnasium (Oberrealschule) in Pilsen (mit Auszeichnung) absolvieren, an der Universität in Prag studieren und promovieren (1931). Das Studium brachte ihn auch nach Marburg (1928/29) und Berlin (1931).

Als Gymnasialprofessor für die Fächer Geschichte, Geografie und Kunstgeschichte unterrichtete er 1934 und 1936 in Pilsen und  Eger.
„Daneben habe ich Sprachstudien (Tschechisch, Englisch, Französisch und Italienisch) betrieben.“ (Quelle: Personalbogen und Lebenslauf 1952)
Seine „Präsenzdienstpflicht“ in der tschechoslowakischen Armee, vom Okt. 1931 bis Jan. 1935, beendete er als Unterleutnant, 1936 wurde er zum Leutnant ernannt.
Zum weiteren Berufsweg ist im Lexikon zu lesen: „1935 Konservator im Staatlichen Denkmalamt in Prag [und in Reichenberg], stellvertretender Landesdenkmalpfleger für Böhmen und 1942 Landeskonservator.  
Aus der Kriegsgefangenschaft zurück, ließ er sich in München nieder und arbeitete bei der Kirchlichen Hilfsstelle, der Ackermann-Gemeinde und der Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen, der Vorläuferin des Sudetendeutschen Rates, mit publizistischer Tätigkeit.“ (Quelle: Egerländer Biografisches Lexikon , Band 2, 1987, S. 264 und Deutsche Biographische Enzyklopädie 2008, Band 10 , S.141 )

Im 2. Weltkrieg war er bei der deutschen Wehrmacht vom Jan. 1942 bis 1945 als Oberleutnant an der „Ostfront“. Seine Verwundung heilte er in den Lazaretten Flensburg und Reichenberg / Liberec aus, wo er schon 1938 beim Denkmalamt tätig war. Nach Kriegsende Anfang Mai 1945 wurde er bis August 1946 in der ČSR interniert.

Mit einem „Flüchtlingstransport“ kam er mit der Ausweisung im Herbst 1946 nach München, wo er sich bei der dort bereits im Okt. 1945 gegründeten „Kirchlichen Hilfsstelle Süd“ (bis 1950), aus der im Jan. 1946 die Ackermann-Gemeinde hervorging, engagierte und schriftstellerisch tätig wurde.

Die „Kirchlichen Hilfsstelle“ gab 1949 seinen Bildband „Sudetendeutsches Bilderbuch“ heraus. Dort arbeitete er mit den Bundestagsabgeordneten Hans Schütz (CSU) und Richard Reitzner (SPD) zusammen, die sich für seine Berufung in das Auswärtigen Amt in Bonn einsetzten:



1954 trat Dr. Wilhelm Turnwald in den höheren Dienst des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik ein, wurde als Legationsrat 1. Klasse Mitglied der Deutschen Botschaft in Washington und nach seiner Rückkehr 1962 Ostreferent in Bonn.
Am Höhepunkt seiner Berufslaufbahn war Turnwald von 1969 bis 1971 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Libyen.


Im Berliner Archiv des Auswärtigen Amts konnte ich seinen umfangreichen Personalakt einsehen, der zeigt, dass er, wie in München so auch in Washington und Bonn, „sein“ sudetendeutsches Netzwerk pflegte.

Im libyschen Tripolis, seiner letzten Station vor der Pensionierung, war das nicht so sehr gefragt. Er hatte dort gesundheitliche und gesellschaftliche Problem. Sein „amtlicher Nachruf“ ist aber voll des Lobes:

 

Das sog,  „Sudetendeutsche Weißbuch“

Dr. Wilhelm Turnwald ist heute, 75 Jahre nach Kriegsende und nach Flucht und Vertreibung,  immer noch bekannt  als Herausgeber der „Dokumente zur Vertreibung der Sudetendeutschen“  mit 5 Auflage, auch in englischer Sprache,  von 1951 bis zur neuesten Auflage 1992.  Es wird auch „Sudetendeutsches Weißbuch“ genannt und ist international bekannt.

1991, nach der „samtenen Revolution“ in Prag, erschienen in der ČSR auch Auszüge mit 287 S. in dieser tschechischer Übersetzung:
„Slyšme i druhou stranu. Dokumenty k vyhnání Němců z Českých zemí“ /
„Hören wir auch die andere Seite. Dokumente zur Vertreibung der Deutschen aus den böhmischen Ländern“; Hrsg. von Sidonia Dědinová / Infocentrum Šumava, Budweis / České Budějovice 1990/91.
Posthum dürfte das für Wilhelm Turnwald ein wichtiger Beitrag zum Einfühlen in das Schicksal der Sudetendeutschen, zum besseren Verstehen und damit zur Versöhnung sein, die er schon mit der Eichstätter Erklärung von 1949 verfolgte.

Die „Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung Sudetendeutscher Interessen“, für die Wilhelm Turnwald diese Dokumentation erstellt, wurde am 14. Juli 1947 in München gegründet und am 3. April 1955 im Cafe Ludwig in München vom „Sudetendeutschen Rat“ als Nachfolger abgelöst.

Wilhelm Turnwald starb, überarbeitet und einsam, im Alter von 74 Jahren am 13. März 1984  in München, ohne Hinterbliebene. R.I.P.

Auch die Urne mit seiner Asche ging nochmals auf die Reise: Als Stationen konnte ich erkunden: Münchner Nordfriedhof ,  Steyr in Oberösterreich und Ebern in Oberfranken.

 

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